Kann die Südpfalz zum Technologie-Standort für Start-ups werden?
Michael Englert will mit dem VentureCampus Pfalz Wissenschaft, Kapital und Unternehmertum zusammenbringen – und die Südpfalz als Technologieregion neu positionieren.
Michael Englert hat selbst erlebt, wie aus einem kleinen Anfang in der Südpfalz ein international tätiges Technologieunternehmen werden kann. Mit dem VentureCampus Pfalz will er nun dabei helfen, dass solche Geschichten kein Zufall bleiben. In Rülzheim soll ein Ort entstehen, an dem Wissenschaft, Kapital und Unternehmertum zusammenfinden. Die Ziele sind ambitioniert: 20 bis 25 Start-ups bis 2030 – und möglicherweise bis zu 1.000 neue Arbeitsplätze.
„Viele sagen Garage. Bei mir war’s der Keller.“
Michael Englert korrigiert lachend eine jener Gründergeschichten, die im Rückblick gerne etwas mythischer klingen, als sie tatsächlich waren. ITK Engineering begann 1994 nicht in einer Garage, sondern in einem Kellerbüro in Kuhardt.
Mehr als drei Jahrzehnte später beschäftigt sich Englert wieder intensiv mit der Frage, wie Technologieunternehmen entstehen.
Nur diesmal geht es nicht um sein eigenes.
Mit dem VentureCampus Pfalz soll in Rülzheim eine Struktur entstehen, die wissenschaftliche Ideen gezielt aufspürt, potenzielle Gründer anspricht und sie auf dem Weg zum Unternehmen begleitet.
Englerts Motivation dafür reicht weit zurück.
Eine Idee, die 15 Jahre alt ist
Schon während seiner Zeit als Geschäftsführer von ITK beschäftigte ihn die Frage, wie Forschung schneller in die Wirtschaft gelangen könnte.
Seine damalige Idee hieß InnoCamp. Gemeinsam mit Hochschulen sollten Unternehmen Forschungs- und Entwicklungsthemen bearbeiten lassen können. Doktoranden und Studierende hätten dabei an konkreten technologischen Aufgaben gearbeitet – und wären anschließend zugleich bestens vorbereitete potenzielle Mitarbeiter gewesen.
Englert beschreibt das heute als direkten Technologietransfer. Ganz uneigennützig sei die Idee damals nicht gewesen: Bei ITK sei Recruiting immer ein Flaschenhals gewesen.
Nach dem Verkauf von ITK ließ sich das Konzept nicht weiterverfolgen. Vergessen war es aber nicht.
Vor rund eineinhalb Jahren nahm Englert die Idee wieder auf. Er sprach erneut mit seinen Kontakten an den Universitäten. Doch diesmal bekam das Konzept einen anderen Schwerpunkt.
Nicht mehr Forschung als Dienstleistung, sondern Venture Building.
Also: Unternehmen nicht nur beraten, wenn sie bereits gegründet sind – sondern sie möglichst früh mit aufbauen.
Nicht warten, bis jemand gründet
Genau darin sieht Englert einen wesentlichen Unterschied zu vielen klassischen Gründungszentren.
Der VentureCampus soll nicht darauf warten, dass jemand mit einem fertigen Businessplan an die Tür klopft. Stattdessen soll aktiv an Hochschulen gesucht werden.
Rund 40 Institute, vor allem aus Informatik und Elektrotechnik, hat Englert dabei im Blick. Über Professorinnen und Professoren sollen Menschen mit interessanten Technologien oder Forschungsergebnissen identifiziert und angesprochen werden.
„Wir suchen proaktiv und ermutigen Talente, zu gründen“, beschreibt er den Ansatz.
Eine fertige Firma braucht es dafür nicht.
Es kann ein Doktorand sein, der während seiner Forschung auf eine Technologie gestoßen ist, aus der ein Produkt entstehen könnte. Gemeinsam mit dem VentureCampus könnten daraus Geschäftsmodell und Businessplan entwickelt werden. Ebenso kommen Start-ups infrage, die bereits einen Proof of Concept besitzen oder später Unterstützung bei einer weiteren Finanzierungsrunde benötigen.
„Der Reifegrad spielt keine Rolle“, sagt Englert. Entscheidend sei vielmehr, ob eine Idee Potenzial besitzt.
Damit setzt das Konzept sehr früh an.
Und genau dort sieht Englert eine Schwäche vieler technologischer Gründungen.
Weshalb eine gute Technologie noch kein gutes Unternehmen ist
Ingenieure und Wissenschaftler seien häufig hervorragend in ihrem Fachgebiet, sagt Englert. Was ihnen jedoch teilweise fehle, sei die betriebswirtschaftliche Erfahrung.
Wie entsteht ein Businessplan? Wie finanziert man ein Unternehmen? Wie plant man Liquidität? Wann muss eine neue Finanzierungsrunde vorbereitet werden?
Englert kennt diese Lernkurve selbst. Er habe seine unternehmerische Erfahrung erst über Jahre aufgebaut.
Der VentureCampus soll diese Erfahrung systematischer verfügbar machen.
Denn eine gute Technologie allein ist noch kein Unternehmen.
Für Englert liegt genau hier eines der strukturellen Probleme Deutschlands: Forschung und technische Kompetenz seien stark, schwieriger werde es häufig bei Kommerzialisierung und Skalierung. Hinzu kämen seiner Einschätzung nach eine ausgeprägtere Angst vor dem Scheitern sowie ein schwierigerer Zugang zu Risikokapital in späteren Wachstumsphasen. Auch Hochschulsysteme setzten teilweise andere Anreize als etwa in den USA.
Das ist Englerts Diagnose – und zugleich die Begründung für das Modell, das in Rülzheim entstehen soll.
Warum ausgerechnet die Südpfalz?
Beim Thema Start-ups fallen schnell Namen wie Berlin, München oder Karlsruhe. Rülzheim eher nicht.
Englert dreht die Frage deshalb um. Die Südpfalz sei längst bekannt für Wein, Tourismus und Lebensqualität. Wofür sie bislang kaum bekannt sei, sei Technologie. Genau das möchte er verändern.
„Ich möchte hier was für die Region machen“, sagt Englert. Schon bei ITK habe er bewusst daran festgehalten, den Hauptsitz in der Region zu behalten, obwohl das Unternehmen große Standorte in Städten wie München, Stuttgart oder Wolfsburg unterhielt. Heute geht es ihm darum, die Pfalz stärker als Technologieregion sichtbar zu machen und damit sowohl eigene Talente zu halten als auch Fachkräfte von außen anzuziehen.
Das ist mehr als Gründerförderung. Es ist Standortpolitik aus unternehmerischer Perspektive.
Der VentureCampus soll dabei drei Dinge miteinander verbinden: Wissenschaft, Kapital und unternehmerische Erfahrung.
Dafür arbeiten Akteure aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zusammen. Mit KIT und RPTU sind zwei Universitäten eingebunden. Hinzu kommen IHK und Technologie-Netzwerk Südpfalz sowie Finanzierungspartner und regionale Unternehmer.
Gerade die Hochschulen sind für Englert entscheidend. Die wissenschaftliche Präsenz habe der Region bislang als Bestandteil eines Start-up-Ökosystems gefehlt.
Aus Forschung soll Wertschöpfung werden
Englert verbindet damit auch eine größere wirtschaftliche Frage.
Die Pfalz sei stark von etablierten Industriebranchen geprägt. Gerade deshalb hält er eine stärkere Diversifizierung für notwendig. Neue Technologieunternehmen könnten langfristig zusätzliche Wertschöpfung und andere qualifizierte Arbeitsplätze schaffen.
Der VentureCampus soll dafür nicht selbst als Investor auftreten. Stattdessen will er Gründer mit Finanzierungspartnern zusammenbringen – von regionalen Strukturen und Banken über die Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz bis zu Business Angels und Venture-Capital-Gebern.
Der Anspruch ist ein Rundumservice: Technologie evaluieren, Geschäftsmodell entwickeln, Finanzierung organisieren, unternehmerisches Wissen vermitteln und die Teams beim Aufbau begleiten.
Das klingt ambitioniert.
Zum Zeitpunkt unseres Gesprächs steht das Projekt allerdings noch unmittelbar vor dem operativen Start.
Die GmbH soll jetzt gegründet werden
Englert betont, der VentureCampus sei „on track“.
Als nächster Schritt soll die Gesellschaft gegründet werden. Ursprünglich war eine gemeinnützige Konstruktion vorgesehen; weil Wirtschaftsförderung rechtlich nicht entsprechend eingeordnet werden könne, soll es nun eine reguläre GmbH ohne Gewinnerzielungsabsicht werden.
Englerts Ziel zum Zeitpunkt des Interviews: möglichst im Dezember operativ loslegen.
Interessenten gibt es offenbar bereits.
Rund zehn Start-ups hätten sich bei ihm inzwischen gemeldet. Zwei oder drei davon, schätzt Englert, könnten unmittelbar für den geplanten Inkubationsprozess infrage kommen.
Aus der früheren Frage, wo die Gründer bleiben, könnte also bald eine andere werden: Welche Projekte nimmt der VentureCampus als erste auf?
25 Start-ups und bis zu 1.000 Arbeitsplätze
An Zurückhaltung bei den Zielen fehlt es jedenfalls nicht.
Bis 2030 sollen nach Englerts Vorstellung etwa 20 bis 25 Start-ups entstanden beziehungsweise im Aufbau sein. Daraus könnten, so seine Zielgröße, langfristig bis zu 1.000 Arbeitsplätze entstehen.
Das sind keine kleinen Zahlen.
Und Englert weiß, dass sich ein mit öffentlichen Mitteln unterstütztes Projekt daran messen lassen muss, was tatsächlich daraus entsteht.
Für ihn zählen deshalb konkrete Kennzahlen: Zahl der Unternehmen, Arbeitsplätze, Wertschöpfung, langfristig auch Umsätze, Patente oder Steueraufkommen.
„Zahlen, harte Zahlen“, sagt er.
Interessant ist dabei sein regionaler Blick.
Die Frage, welchen unmittelbaren Nutzen beispielsweise eine einzelne Verbandsgemeinde von einer Förderung hat, hält er zwar für nachvollziehbar – aber für zu klein gedacht. Nicht jede Kommune könne garantieren, dass am Ende genau auf ihrem Gebiet ein erfolgreiches Start-up sitzt.
„Man muss es größer denken“, sagt Englert. Die relevante Ebene sei die Region.
Die nächste Herausforderung: erfolgreiche Firmen hier behalten
Selbst wenn das Gründen funktioniert, bleibt ein weiteres Problem.
Was geschieht mit einem Start-up, wenn es tatsächlich schnell wächst?
Braucht es Produktionsflächen, größere Büros, leistungsfähige digitale Infrastruktur oder deutlich mehr Energie, muss die Region diese Voraussetzungen bieten können.
Ein Unternehmen könne man nicht zwingen, zehn Jahre in der Südpfalz zu bleiben, sagt Englert. Wenn ein Gründer irgendwann nach Berlin oder San Francisco müsse, lasse sich das nicht vollständig verhindern.
Umso wichtiger sei es, attraktive Bedingungen zu schaffen. Dazu gehören aus seiner Sicht auch interkommunale Gewerbeflächen und ein Netzwerk, das schnell Lösungen anbieten kann.
Genau daran arbeitet der VentureCampus schon vor seinem offiziellen Start. Kontakte zu Kapitalgebern, Wissenschaft, Kommunen und benachbarten Regionen seien in den vergangenen Monaten kontinuierlich aufgebaut worden.
Der Campus wäre damit weniger ein einzelnes Gebäude als ein Knotenpunkt.
Von der Weinregion zur Technologieregion?
Am Ende des Gesprächs denkt Englert weit über einzelne Start-ups hinaus.
Seine Vision trägt einen Namen, der zunächst fast augenzwinkernd klingt: „Pfalz Valley“.
In zehn Jahren, sagt er, sollte die Pfalz innerhalb der großen Technologie- und Wirtschaftsregionen rund um Rhein-Neckar und Karlsruhe als eigener Technologiestandort wahrgenommen werden.
Dafür brauche es nicht ein einzelnes Leuchtturm-Unternehmen, sondern ein Ökosystem aus vielleicht 20 oder 30 jungen, erfolgreichen Technologieunternehmen, geeigneter Infrastruktur und attraktiven Arbeitsplätzen.
Dass Fachkräfte dafür in die Südpfalz kommen würden, hält Englert für realistisch. Seine Erfahrung mit ITK habe ihm gezeigt, dass sich Talente für die Region gewinnen lassen, wenn die Arbeitsplätze interessant genug sind.
Sein Gedankenexperiment: Was wäre, wenn hier in zehn Jahren nicht eine ITK, sondern zehn oder zwanzig Unternehmen ähnlicher Qualität aus unterschiedlichen Branchen entstanden wären?
Dann, glaubt Englert, würde sich auch die Wahrnehmung der Region verändern.
Nicht nur Wein. Nicht nur Tourismus. Sondern Technologie.
Seine Formel dafür ist am Ende erstaunlich kompakt:
Kapital, Wissenschaft, Ideen und unternehmerische Kompetenz.
„Wenn man das zusammenbringt, dann kann das wirklich fliegen“, sagt Englert. Ob daraus tatsächlich ein „Pfalz Valley“ wird, lässt sich heute nicht sagen. Aber genau darin liegt die spannendere Geschichte des VentureCampus Pfalz: Hier wird nicht einfach ein weiteres Gründerzentrum eröffnet. Es ist der Versuch, die wirtschaftliche DNA einer Region um eine neue Facette zu erweitern.
Die Südpfalz soll bleiben, was sie längst ist – eine Region mit hoher Lebensqualität, Weinbau und Tourismus.
Aber vielleicht soll künftig noch etwas dazukommen. Ein Ort, an dem aus einer guten Idee ein Unternehmen werden kann. Und wenn es nach Michael Englert geht, darf dieses Unternehmen ruhig wieder in einem Keller anfangen.