Die Südpfalz endet nicht an ihren Grenzen
Fritz Brechtel über die Südpfalz zwischen Frankreich, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – und darüber, welches Potenzial noch ungenutzt ist.
„Man darf sich nicht auf seine Seite des Rheins beschränken“
23 Jahre lang war Dr. Fritz Brechtel Landrat des Kreises Germersheim. Seit Juli ist er Beauftragter des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Im Gespräch mit SÜDPFALZ.com erzählt er, warum die Region ihre Lage zwischen Frankreich, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz viel stärker als Chance begreifen sollte – und weshalb Europa manchmal schon an einer Umweltplakette kompliziert wird.
Es ist Hochsommer, mehr als 30 Grad. Fritz Brechtel liegt in der Hängematte, als sein Telefon klingelt. Am anderen Ende: Ministerpräsident Gordon Schnieder.
Die Frage: Kann er sich vorstellen, Beauftragter für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu werden?
Brechtel muss nicht lange überlegen. „Ich hab mich gefreut“, erzählt er. Seine Antwort sei spontan gewesen: „Ja, mache ich sehr gerne.“ Das Ehrenamt gebe ihm die Möglichkeit, weiterhin für die Region tätig zu sein.
Dabei hätte ihm wohl niemand übel genommen, wenn er die Hängematte nicht so schnell wieder verlassen hätte.
Seit Jahrzehnten in der Region verwurzelt
Friedrich Michael „Fritz“ Brechtel wurde 1955 in Herxheim bei Landau geboren und machte sein Abitur in Germersheim. Er studierte Biologie und Sport, promovierte und arbeitete zunächst als Ökologe in der Bezirksregierung und im Landesamt für Umweltschutz Mainz sowie später am Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe.
2001 wurde er zum Landrat des Kreises Germersheim gewählt. Mehr als 23 Jahre blieb er im Amt, bis er Ende November 2024 an Martin Brandl übergab.
Die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg gehörte dabei schon lange zu seinen Themen. Brechtel engagierte sich im Eurodistrikt PAMINA, der Südpfalz, Mittleren Oberrhein und Nordelsass verbindet, und war mehrere Jahre dessen Präsident.
Seit Juli 2026 vertritt und unterstützt er Ministerpräsident Gordon Schnieder nun bei Fragen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit – insbesondere mit Frankreich, Luxemburg und Belgien.
Doch was bedeutet ein solcher Titel eigentlich konkret?
„Ein Buch mit sieben Siegeln“
Brechtel lacht. Wer einem Bürger erklären wolle, welche Gremien und Zuständigkeiten es in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit gebe, habe es nicht leicht.
„Das ist ein Buch mit sieben Siegeln.“
Dabei gehe es im Kern um sehr konkrete Themen: z.B. Mobilität, Gesundheit, Katastrophenschutz, Wirtschaft, Umwelt oder Verbraucherschutz.
Viele der Gremien hätten selbst kaum Entscheidungsgewalt. Brechtel bezeichnet ihre Aufgabe deshalb als die von „Themensammlern und Themenvermittlern“. Probleme werden erkannt, Partner zusammengebracht und Lösungen auf den Weg gebracht.
Das klingt nach Verwaltung. Im Alltag kann es aber ganz praktische Auswirkungen haben.
Wenn Europa an einer Umweltplakette scheitert
Ein Beispiel ist erstaunlich banal: Deutschland und Frankreich haben jeweils eigene Umweltplaketten. Beide verfolgen ähnliche Ziele – gegenseitig anerkannt werden sie bis heute nicht.
Für Brechtel zeigt das, wie hartnäckig Grenzen im Verwaltungsalltag sein können.
Es gebe eine Liste mit rund 50 solcher administrativen Hindernisse, an denen gearbeitet werde. Sei eines beseitigt, stünden oft bereits neue Probleme bereit.
Andere Fragen haben wesentlich größere Bedeutung: Was passiert mit jemandem, der in Frankreich lebt, aber in Deutschland arbeitet und krank wird? Wie funktionieren Steuer- oder Rentenfragen? Und warum sollte im Notfall eine Staatsgrenze darüber entscheiden, welcher Rettungswagen helfen darf?
Das nächste Krankenhaus könnte in Frankreich liegen
Gerade bei der Gesundheitsversorgung sieht Brechtel großes Potenzial.
Zwischen Bad Bergzabern und Wissembourg bestehen bereits Kooperationen. Krankenhäuser auf beiden Seiten haben unterschiedliche Angebote und Spezialisierungen.
Entscheidend sollte deshalb aus seiner Sicht stärker sein, welche Klinik die passende Behandlung anbietet und wie schnell sie erreichbar ist – nicht, auf welcher Seite der Grenze sie steht.
Ähnlich sieht er es beim Rettungsdienst.
„Das kann ein Deutscher sein, der nach Frankreich fährt. Das kann auch ein Franzose sein, der nach Deutschland fährt.“
Im Notfall müsse zählen, wer am schnellsten helfen kann.
Fünf Millionen Euro für einen grenzüberschreitenden Zug
Auch beim Bahnverkehr zeigt sich, wie kompliziert Grenzen noch immer sein können.
Züge, die in Deutschland und Frankreich eingesetzt werden, müssen die technischen und sicherheitsrechtlichen Vorgaben beider Staaten erfüllen. Brechtel berichtet von Fahrzeugen, deren entsprechende Anpassung rund fünf Millionen Euro pro Zug kostete.
„Das ist ein Unding“, sagt er.
Für einen funktionierenden grenzüberschreitenden Bahnverkehr brauche es aus seiner Sicht vor allem drei Dinge: passende Schienenverbindungen, Fahrzeuge, die in beiden Ländern eingesetzt werden können, und abgestimmte Fahrpläne.
Dass Zusammenarbeit dennoch funktionieren kann, zeigt der grenzüberschreitende Katastrophenschutz.
Ein über ein europäisches INTERREG-Projekt angeschafftes Amphibienfahrzeug ist beim THW Germersheim stationiert und wird gemeinsam mit französischen Partnern eingesetzt. Beim Hochwasser im Ahrtal kam es im Ernstfall zum Einsatz.
„Es hat Menschenleben gerettet“, sagt Brechtel.
Zusammenarbeit beginnt mit Vertrauen
Für Brechtel steckt hinter solchen Projekten eine Erfahrung, die er in vielen Jahren Kommunalpolitik gemacht hat:
„Zusammenarbeit basiert auf persönlichem Kennen, auf Augenkontakt und auf gegenseitigem Vertrauen.“
Deshalb habe er bereits als Landrat versucht, den Kreis Germersheim über seine administrativen Grenzen hinaus zu vernetzen. Der Landkreis wurde auf seine Initiative hin Mitglied der Metropolregion Rhein-Neckar und der TechnologieRegion Karlsruhe, parallel engagierte sich Brechtel im Eurodistrikt PAMINA.
Der Gedanke dahinter: Wer nur innerhalb seiner eigenen Verwaltungsgrenzen denkt, verschenkt Möglichkeiten.
Brechtel formuliert es geografisch: Wer sich nur auf seine Seite des Rheins konzentriere, nutze lediglich einen Teil seiner Chancen.
Gerade für die Südpfalz ist das ein interessanter Gedanke. Sie liegt zwischen Rheinland-Pfalz, dem wirtschaftsstarken Raum Karlsruhe und dem Elsass.
Für Brechtel ist das keine Randlage. Es ist eine Chance.
Eine Region, die größer denken kann
Inzwischen sind auch die Stadt Landau und der Landkreis Südliche Weinstraße Teil der TechnologieRegion Karlsruhe. Das Nordelsass ist ebenfalls eingebunden.
Für Brechtel bedeutet das nicht, die eigene regionale Identität aufzugeben. Jeder Raum müsse zunächst überlegen, wie er sich selbst stärke. Zur Entwicklung der Südpfalz gehöre aber eben auch die Frage, wie sie ihre Beziehungen zu ihren Nachbarn nutzt.
Noch werde dieses Potenzial nicht vollständig erkannt.
Das zeigt sich für ihn besonders beim Arbeitsmarkt und bei jungen Menschen. Unternehmen diesseits der Grenze suchen Nachwuchs, während auf französischer Seite andere Bedingungen herrschen.
Ein entscheidendes Hindernis sieht Brechtel dabei in der Sprache.
Die Grenze existiert auch im Kopf
„Die Vorteile, die die Grenznähe bietet, werden bei weitem noch nicht so wahrgenommen, wie man sie wahrnehmen könnte“, sagt Brechtel.
Und die Grenze in den Köpfen sei nach wie vor stark.
Deshalb plädiert er dafür, Zweisprachigkeit am Oberrhein viel stärker zu fördern – möglichst schon im Kindergarten, später in Schulen, aber auch über Sport, Musik und gemeinsame Aktivitäten.
Viele elsässische Politiker bewegten sich wie selbstverständlich in beiden Sprachen – ein großer Vorteil. Er selbst müsse dagegen mit seinem Schulfranzösisch arbeiten, erzählt Brechtel mit einem Lachen.
Für eine Region mitten in Europa ist Sprache damit weit mehr als ein Schulfach. Sie entscheidet mit darüber, wie selbstverständlich Menschen tatsächlich über Grenzen hinweg leben und arbeiten.
Ein notwendiges Übel
Dass Grenzen auch wieder sichtbarer werden können, zeigen die aktuellen Kontrollen an Übergängen nach Frankreich.
Brechtel kennt noch die Zeit dauerhafter Grenzkontrollen. Wer früher nach Lauterbourg fahren wollte, musste zunächst D-Mark in Franc wechseln und sich anschließend den Blicken der Zollbeamten stellen.
Zu diesen Zeiten möchte er nicht zurück.
Die derzeitigen stichprobenartigen Kontrollen hält er angesichts der Sicherheitslage dennoch für vertretbar. Er bezeichnet sie als „notwendiges Übel“. Wichtig sei, dass die Menschen im Grenzraum dadurch nicht unnötig behindert würden, und dass man vorher miteinander gesprochen habe.
Gerade hier zeigt sich, wie unmittelbar Entscheidungen auf nationaler Ebene den Alltag einer Grenzregion beeinflussen können.
„Der Wandel war noch nie so groß“
Wenn Brechtel über die Südpfalz spricht, sieht er eine attraktive Region mit starker Wirtschaft, vielfältiger Landschaft und hoher Lebensqualität.
Gleichzeitig stünden große Veränderungen bevor. Vor allem die Automobilindustrie und ihre Zulieferer müssten einen tiefgreifenden Transformationsprozess bewältigen.
Hinzu kommt der technologische Wandel.
„Der Wandel in der Technik war noch nie so groß und so schnell wie heute.“
... sagt Brechtel und nennt Künstliche Intelligenz als Beispiel.
Entwicklung müsse dabei nachhaltig bleiben. Wälder, Grundwasser, Artenvielfalt, gesunde regional erzeugte Nahrungsmittel und Landschaft seien Ressourcen, die nicht kurzfristigen Vorteilen geopfert werden dürften.
Südpfalz 2035
Wie sollte die Region in zehn Jahren aussehen?
Brechtels Antwort ist weniger technisch, als man erwarten könnte.
Es sollte selbstverständlich sein, sich nördlich und südlich der Lauter, links und rechts des Rheins zu begegnen – bei der Arbeit, in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern oder bei gemeinsamen Festen.
„Wir müssen uns noch stärker als Europäer fühlen“, sagt er.
Und froh darüber sein, „im Herzen Europas“ zu leben.
Vielleicht beschreibt das seinen Blick auf die Südpfalz am besten.
Nicht Rand von Rheinland-Pfalz. Nicht Ende Deutschlands. Sondern eine Region zwischen Karlsruhe, Elsass, Rhein-Neckar und Pfälzerwald, die gerade aus ihrer Lage besondere Möglichkeiten gewinnen kann.
„Du musst einfach herkommen“
Zum Schluss wird es persönlich.
Wie würde Brechtel jemandem die Südpfalz erklären, der noch nie hier war – ohne Wein, Landschaft oder Sehenswürdigkeiten aufzuzählen?
Er lacht. „Das kann ich dir nicht beschreiben. Du musst einfach herkommen.“
Dann erzählt er von einem australischen Freund, den er am Frankfurter Flughafen abholte. Statt direkt über die Autobahn nach Germersheim zu fahren, nahm Brechtel den Weg über die Weinstraße. Es ging auf die Madenburg, mit Blick über die Rheinebene und einer Rieslingschorle.
Einige Tage später folgte der Trifels. Dort erzählte Brechtel von Richard Löwenherz – und seine australischen Gäste stellten überrascht fest, dass der Ort aus ihren Schulbüchern plötzlich vor ihnen lag.
Vielleicht ist das tatsächlich die einfachste Erklärung.
Die Südpfalz muss man erleben.
Und wenn es nach Fritz Brechtel geht, sollte man dabei künftig etwas weniger darauf achten, an welcher Landes- oder Staatsgrenze sie endet.
Zur Person
Dr. Fritz Brechtel wurde 1955 in Herxheim geboren. Der promovierte Biologe arbeitete unter anderem als Ökologe bei der Bezirksregierung, am Landesamt für Umweltschutz Mainz und am Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe. Von 2001 bis November 2024 war er Landrat des Kreises Germersheim und engagierte sich über viele Jahre im Eurodistrikt PAMINA. Seit Juli 2026 ist er Beauftragter des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit.