Aktuell

Der Defence-Sektor wächst - auch in der Südpfalz

Die sicherheitspolitische Zeitenwende schlägt sich spürbar in der südpfälzischen Industrie nieder.

Mercedes-Benz ZETROS · 2026 Daimler Truck AG

Defence beginnt in der Südpfalz nicht erst dort, wo ein fertiges Militärfahrzeug vom Band läuft. Der Geschäftsbereich reicht in der Region von schweren Lastwagen über Pressen für ballistische Schutzbauteile bis zu Software, Lagertechnik und Drohnenkomponenten. Daneben stehen Unternehmen, deren Bauteile militärisch genutzt werden können, ohne dass sie selbst öffentlich eine Rüstungssparte ausweisen.

Diese Unterschiede sind entscheidend. Manche Betriebe fertigen unmittelbar für Streitkräfte oder Hersteller von Schutzsystemen. Andere entwickeln Technik, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden kann. Wieder andere bleiben als Zulieferer im Hintergrund. Von einem einheitlichen regionalen Defence-Cluster kann auf Grundlage der bekannten Angaben deshalb keine Rede sein. Wohl aber von industriellen Fähigkeiten, die in diesem Markt bereits gefragt sind. Das sichtbarste Beispiel steht in Wörth am Rhein. Daimler Truck Special Trucks produziert dort Fahrzeuge der Baureihen Zetros, Unimog und Arocs Defense. Zum Angebot gehören geschützte und ungeschützte Fahrzeuge für militärische Anwendungen. Genutzt werden solche Fahrzeuge unter anderem von der Bundeswehr und Streitkräften anderer Staaten.

Wörth zeigt die offensichtliche Seite des Geschäfts: ein großer Produktionsstandort, ein klar benanntes militärisches Produkt und Abnehmer aus dem Kreis der Streitkräfte. Das ist Defence im engeren Sinn. Doch für das industrielle Profil der Südpfalz sind möglicherweise gerade jene Betriebe aufschlussreich, deren Beitrag weniger sichtbar ist.

Wenn eine Presse Schutz ermöglicht

Wickert Presstech aus Landau baut hydraulische Hochpräzisionspressen. Das Unternehmen führt in seinem Produktangebot ausdrücklich Pressensysteme für Schutzanwendungen und ballistische Bauteile. Dazu zählt nach den vorliegenden Angaben unter anderem der Typ WKP 52000, der mit einer aktiven Planparallelitätsregelung und einer präzisen Temperatursteuerung arbeitet.

WICKERT - Instagram Beitrag · Wickert Landau


Entscheidend ist nicht allein die Maschine, sondern das Material, das mit ihr verarbeitet wird. Die Pressen werden demnach von Herstellern von Rüstungs- und Schutzsystemen eingesetzt, um ballistische Verbundplatten zu fertigen. Daraus entstehen etwa Türmodule und Unterfahrschutz für Militärfahrzeuge, Schutzlaminate für Luft- und Wasserfahrzeuge sowie Einlagen für Schutzwesten.

Wickert liefert damit keine Fahrzeugteile und keine Schutzwesten. Das Unternehmen stellt vielmehr die Produktionstechnik bereit, mit der andere Hersteller solche Produkte fertigen. Gerade darin liegt ein wichtiger Unterschied für die wirtschaftliche Einordnung: Am Defence-Geschäft sind nicht nur bekannte Systemanbieter beteiligt. Auch spezialisierte Maschinenbauer können Teil der Wertschöpfung sein, wenn ihre Anlagen bestimmte Materialien präzise und reproduzierbar verarbeiten.

Software statt Stahl

In Rülzheim wird eine weitere Ebene sichtbar. ITK Engineering bietet Entwicklungsleistungen für Verteidigungssysteme und die dazugehörige Infrastruktur an. Genannt werden Embedded Software, Cybersecurity-Protokolle, Sensorfusion und Steuerungsarchitekturen.

Embedded Software ist Software, die direkt in technische Systeme eingebettet ist und dort bestimmte Funktionen steuert. Sensorfusion verbindet die Daten mehrerer Sensoren, damit ein System seine Umgebung oder seinen eigenen Zustand verlässlicher erfassen kann. Solche Fähigkeiten sind nicht auf militärische Anwendungen begrenzt. Im Defence-Bereich werden sie nach den vorliegenden Angaben unter anderem für vernetzte Systeme, Telematik und sicherheitskritische Prozesse eingesetzt. Das Beispiel macht deutlich, wie weit der Begriff Defence inzwischen gefasst werden muss, wenn man die vorhandenen regionalen Kompetenzen erfassen will. Es geht nicht nur um Metallverarbeitung, Fahrzeugbau oder Panzerung. Auch Softwareentwicklung, Steuerungstechnik und die Absicherung digitaler Kommunikation gehören zum Geschäft.

ITK bietet diese Leistungen ausdrücklich für Verteidigungssysteme an. Welche konkreten Projekte von Rülzheim aus bearbeitet werden, welche Auftraggeber dahinterstehen und welchen Umfang der Geschäftsbereich hat, bleibt in den vorliegenden Informationen jedoch offen.

ITK Standort Rülzheim · südpfalz.com

Die Logistik hinter dem Einsatz

Noch indirekter ist die Verbindung bei Kardex in Bellheim. Das Unternehmen entwickelt und fertigt dort automatisierte Paternoster- und Lift-Lagersysteme. Solche Anlagen werden nach den vorliegenden Angaben auch in Depots, Logistikzentren und Instandsetzungsbereichen von Streitkräften eingesetzt. Sie dienen dazu, Werkzeuge und Ersatzteile gesichert und nachvollziehbar zu lagern.

Lagertechnik wirkt neben Fahrzeugen, Schutzmaterialien oder Drohnen unspektakulär. Für die Einordnung des Marktes ist sie dennoch aufschlussreich. Technische Systeme müssen nicht nur gebaut, sondern auch gewartet und mit Ersatzteilen versorgt werden. Kardex bedient mit seiner Branchenlösung für Defence und Security diesen Teil der Infrastruktur.

Auch hier gilt: Die Technik ist nicht ausschließlich militärisch verwendbar. Automatisierte Lager finden in unterschiedlichen Branchen Anwendung. Der Defence-Bezug entsteht durch den konkreten Einsatz bei Streitkräften und Rüstungsbetrieben sowie durch die Anforderungen an gesicherte und nachvollziehbare Lagerprozesse. Wie viele der in Bellheim gebauten Systeme in diesen Bereich gehen, ist nicht bekannt.

Zwischen ziviler und militärischer Nutzung

Montage einer FPV Drohne · unsplash.com

Noch schwerer zu ziehen ist die Grenze bei Carbyte Engineering in Rülzheim. Das Unternehmen entwickelt Elektronik-, Software- und Steuerungskomponenten unter anderem für unbemannte Luftfahrzeuge, also Drohnen. Die bekannten Aktivitäten befinden sich eigenen Aussagen zufolge vor allem in der Entwicklung und Erprobung. Genannt werden Forschungsprojekte, Technologietransfer und Vorhaben mit ziviler wie militärischer Nutzung.

Carbyte steht damit nicht für eine belegte militärische Serienproduktion, sondern für das Entwicklungs- und Dual-Use-Stadium. Dual Use bedeutet, dass eine Technologie sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke eingesetzt werden kann. Bei Drohnen betrifft diese Überschneidung nicht nur das Fluggerät selbst, sondern ebenso Steuerungen, Elektronik und Software.

Für die Bewertung als regionales Zukunftsfeld ist diese Kategorie besonders heikel. Ein Prototyp oder Forschungsprojekt ist noch kein dauerhaftes Geschäft. Das Unternehmen belegt aber, dass einschlägige Entwicklungsfähigkeiten in der Südpfalz vorhanden sind.

Die kaum sichtbare Zulieferkette

Unterhalb dieser öffentlich benannten Defence-Aktivitäten liegt eine weitere Ebene mittelständischer Betriebe. Sie fertigen unter anderem Heizelemente, Gehäuse und Kabelschutz. Solche Standardkomponenten können aufgrund ihrer industriellen Spezifikationen von Anbietern aus dem Defence-Bereich eingekauft werden.

Aber wer jede industriell geeignete Komponente vorschnell dem Rüstungsmarkt zurechnet, schreibt den regionalen Defence-Sektor größer, als er nachweisbar ist. Wer nur auf vollständige Waffensysteme schaut, übersieht dagegen Maschinenbau, Software und Logistiktechnik, die für militärische Wertschöpfung relevant sein können.

Kein gemeinsames regionales Profil – bislang

Aus den bekannten Beispielen entsteht das Bild einer Region mit mehreren Anknüpfungspunkten, aber ohne belegte gemeinsame Struktur. Wörth steht für Fahrzeugbau in Serie, Landau für spezialisierte Produktionstechnik, Bellheim für Lager- und Logistiksysteme. In Rülzheim sitzen Anbieter von Software- und Entwicklungsleistungen. Hinzu kommen potenzielle Komponentenlieferanten an mehreren Orten.

Diese Verteilung ist industriell interessant, erlaubt aber noch keine Aussage darüber, wie groß der Markt für die Südpfalz tatsächlich ist. Es fehlen Umsatzanteile, Beschäftigtenzahlen, Investitionen und belastbare Angaben zur Entwicklung der Aufträge. Ebenso ist nicht bekannt, ob die Unternehmen miteinander arbeiten oder unabhängig voneinander unterschiedliche Kunden bedienen. 

Festhalten lässt sich dennoch: Defence ist in der Südpfalz kein rein hypothetischer Markt. In Wörth werden Fahrzeuge für militärische Nutzer gebaut. Wickert bietet Pressentechnik für ballistische Schutzanwendungen an. ITK entwickelt Software und technische Architekturen für Verteidigungssysteme. Kardex adressiert militärische Logistik und Instandsetzung. Carbyte erprobt Komponenten für Drohnen im Dual-Use-Umfeld.

Ob daraus ein breiteres regionales Geschäft entsteht, hängt nicht nur von einzelnen Großaufträgen ab. Entscheidend wäre auch, ob spezialisierte Mittelständler ihre vorhandenen Fähigkeiten gezielt auf diesen Markt ausrichten – und ob sich öffentlich nachvollziehen lässt, welchen wirtschaftlichen Stellenwert diese Aufträge tatsächlich haben.
Genau dort endet bislang die belastbare Bestandsaufnahme: Die technischen Anknüpfungspunkte sind erkennbar, ihre Größenordnung und ihre Entwicklung noch nicht.

Ihr Hinweis

Kennen Sie ein Thema, über das wir berichten sollten?

Thema vorschlagen →

Mehr aus der Rubrik Aktuell

Aktuell

IHK-Konjunkturbericht Herbst 2026

Die IHK Pfalz hat ihren Konjunkturbericht für den Herbst 2026 vorgelegt. Zwar zeigt sich die Gesamtwirtschaft robuster als zunächst prognostiziert (20 % m…

Südpfalz
SÜDPFALZ.com Newsletter

Die wichtigsten Geschichten per E-Mail.

Regional. Kuratiert. Kostenlos. Jederzeit abbestellbar.

Newsletter verwalten oder abbestellen →